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Thesaurierend oder ausschüttend: Welcher ETF-Typ passt zu dir?

Thesaurierende ETFs legen Erträge automatisch wieder an, ausschüttende zahlen sie aus. Was das für deine Steuern, die Rendite und den Aufwand bedeutet.

Von Paul Springstein, aktualisiert am 1. Juni 2026

1. Der Unterschied in einem Satz

Ein ETF hält Aktien oder Anleihen, und diese werfen regelmäßig Erträge ab: Dividenden bei Aktien, Zinsen bei Anleihen. Die Frage ist, was der Fonds damit macht.

Bei einem thesaurierenden ETF bleiben diese Erträge im Fonds. Sie werden sofort neu investiert, ohne dass du etwas tust oder irgendwas auf deinem Konto erscheint. Bei einem ausschüttenden ETF werden die Erträge regelmäßig auf dein Verrechnungskonto überwiesen, meistens quartalsweise oder einmal im Jahr.

Beide Varianten bilden denselben Index ab. Wenn du zum Beispiel einen MSCI-World-ETF kaufst, gibt es ihn in beiden Ausführungen, manchmal sogar beim selben Anbieter. Der Kurs des thesaurierenden ETF steigt durch die reinvestierten Erträge etwas schneller, der ausschüttende zahlt die Erträge stattdessen aus.

Das klingt nach einer kleinen technischen Unterscheidung. Wird es auch oft so behandelt. Aber die steuerlichen Konsequenzen sind real, und für manche Anleger spielt die Wahl eine größere Rolle als für andere.

2. Steuern bei thesaurierenden ETFs

Du bekommst keine Ausschüttung, also zahlst du auch keine Steuer darauf, oder? Fast. Der Fiskus hat das Problem erkannt und die Vorabpauschale eingeführt.

Die Vorabpauschale ist eine jährliche Steuer auf thesaurierende ETFs, die greift, auch wenn du nichts verkauft hast. Sie wird Anfang Januar für das Vorjahr berechnet und direkt von deinem Verrechnungskonto eingezogen. Die Berechnung ist komplex, vereinfacht gesagt: Sie basiert auf dem Basiszinssatz der Bundesbank und dem Fondswert zu Jahresbeginn. In Jahren mit niedrigem Basiszinssatz fällt die Pauschale minimal aus oder liegt bei null.

2024 gab es erstmals nach Jahren wieder eine spürbare Vorabpauschale, weil die Zinsen gestiegen waren. 2025 und 2026 gilt ebenfalls ein positiver Basiszinssatz. Du brauchst also ausreichend Cash auf dem Verrechnungskonto, damit der Broker die Steuer abbuchen kann.

Wichtig: Die Vorabpauschale wird beim späteren Verkauf angerechnet. Du zahlst nicht doppelt. Sie ist eine Steuervorauszahlung, keine Extrabelastung. Mehr Details zur Berechnung findest du im Ratgeber Vorabpauschale 2026 erklärt.

Der eigentliche Steuervorteil eines Thesaurierers liegt woanders: Der Großteil der Kursgewinne wird erst bei Verkauf besteuert. Erträge wachsen also jahrelang ohne den vollen Steuerabzug, den ein ausschüttender ETF sofort auslöst. Das nennt sich Steuerstundungseffekt.

3. Steuern bei ausschüttenden ETFs

Wenn dein ETF eine Ausschüttung zahlt, fällt sofort Abgeltungssteuer an: 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag, also effektiv 26,375 Prozent. Die Steuer zieht der Broker automatisch ab, du bekommst den Nettobetrag auf dein Konto.

Das bedeutet: Ein Teil der Erträge verlässt das Depot als Steuer, statt weiter Rendite zu erwirtschaften. Der Zinseszinseffekt wirkt damit auf eine kleinere Basis. Über 20 oder 30 Jahre summiert sich dieser Unterschied.

Allerdings gibt es den Sparerpauschbetrag: 1.000 Euro Kapitalerträge pro Jahr sind steuerfrei (2.000 Euro für Ehepaare). Ausschüttende ETFs lassen sich gut einsetzen, um diesen Freibetrag jedes Jahr voll auszuschöpfen. Bei einem thesaurierenden ETF zehrt die Vorabpauschale den Freibetrag zwar auch an, aber meistens nicht vollständig, solange der Basiszinssatz niedrig bleibt.

Der komplette Überblick über alle Steuerarten auf Kapitalerträge steht im Ratgeber Steuern auf Kapitalerträge.

4. Wie groß ist der Unterschied in der Praxis?

Viele Rechner suggerieren einen massiven Vorteil für Thesaurierer. Der tatsächliche Unterschied ist kleiner. Die Vorabpauschale neutralisiert einen Teil des Steuerstundungsvorteils, und bei niedrigen Zinsen ist die Vorabpauschale ohnehin gering.

SzenarioThesaurierendAusschüttend
Erträge im Depot (jährlich reinvestiert)Ja, automatischManuell reinvestieren nötig
Steuerfälligkeit ohne VerkaufVorabpauschale (gering)Sofort bei Ausschüttung
Steuer beim VerkaufKursgewinn abzgl. VorabpauschalenKursgewinn (Erträge schon versteuert)
AufwandKein, außer Verrechnungskonto prüfenAusschüttungen manuell reinvestieren
Freistellungsauftrag ausschöpfenSchwieriger planbarLeicht steuerbar

Über 25 Jahre mit 10.000 Euro Startkapital und 7 Prozent jährlicher Rendite liegt der Unterschied nach Steuern je nach Zinsniveau meist im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Kein Grund zur Panik, aber auch kein Grund, das zu ignorieren.

5. Wann ausschüttend die bessere Wahl ist

Thesaurierer sind nicht in jedem Fall besser. Es gibt klare Situationen, in denen ausschüttende ETFs passen.

  • Du lebst von den Erträgen. Im Ruhestand oder bei FIRE willst du regelmäßiges Einkommen, ohne Anteile verkaufen zu müssen. Ausschüttungen kommen automatisch aufs Konto.
  • Du willst den Freistellungsauftrag gezielt ausschöpfen. Wer die 1.000 Euro (oder 2.000 Euro) jedes Jahr vollständig nutzen will, kann bei ausschüttenden ETFs die Ausschüttungshöhe einfacher planen als die Vorabpauschale eines Thesaurierers.
  • Mehrere Depots bei verschiedenen Brokern. Freistellungsaufträge sind aufgeteilt. Ausschüttungen bei jedem Broker lassen sich leichter tracken als Vorabpauschalen.
  • Motivation durch sichtbare Erträge. Manche Anleger bleiben eher dabei, wenn sie sehen, dass das Depot konkret etwas auszahlt. Das ist kein Denkfehler, es ist Verhaltensdisziplin.

Kurz gesagt: Ausschüttend ist nicht schlechter. Es ist anders, und für bestimmte Lebenssituationen die klarere Wahl.

6. Wie du entscheidest

Eine einfache Entscheidungsregel: Bist du in der Ansparphase und willst Erträge automatisch reinvestieren, ohne darüber nachzudenken? Dann nimm einen thesaurierenden ETF. Brauchst du regelmäßige Ausschüttungen oder willst du deinen Sparerpauschbetrag Jahr für Jahr gezielt nutzen? Dann passt ausschüttend besser.

Was du meiden solltest: Beide Varianten parallel zu besitzen, ohne einen klaren Plan. Dann hast du den Verwaltungsaufwand beider Welten ohne den optimalen Steuervorteil einer Variante.

Was du auch meiden solltest: eine wochenlange Entscheidungsblockade, weil du den steueroptimalsten Weg suchst. Der Unterschied zwischen thesaurierend und ausschüttend ist viel kleiner als der Unterschied zwischen Anlegen und Nicht-Anlegen. Alles Weitere, wie du einen ETF-Sparplan aufbaust und welche Kosten anfallen, steht im Ratgeber ETF-Sparplan für Anfänger.

Letztlich gibt es kein Richtig oder Falsch. Beide funktionieren. Wer anfängt, thesaurierend wählt und dabei bleibt, macht nichts falsch.

Alle Inhalte dienen ausschließlich zu Informationszwecken — keine Anlageberatung.

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